Daniel Dedeyan, Gründungsrektor der ZLS Zurich Law School, ist Professor an der ZLS im Bereich Finanzmarktrecht, Privatdozent an der Universität Zürich und Anwalt bei der Wirtschaftskanzlei Walder Wyss AG. In diesem Interview spricht über seinen Zugang zum Recht und die Rechtspraxis, seine Vision für die ZLS, die Chancen, welche sie Personen mit vielfältigen Hintergründen eröffnet, und über die Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie. Ausserdem schildert er die Rolle der Juristinnen und Juristen bei der Vermittlung zwischen verschiedenen Akteuren im Zeitalter der Digitalisierung. Schliesslich zeigt er, wie das Rechtsstudium ein Weg sein kann, aus Sachzwängen hinaus zu finden und Dinge neu zu denken, und hat einen Tipp, wie man zum Traumjob kommt.

Sie haben in der Schweiz und Italien studiert, in Deutschland und den USA geforscht sowie ein interdisziplinäres Buch über die «Regulierung der Unternehmenskommunikation» geschrieben. Heute sind Sie Wirtschaftsanwalt mit Schwerpunkt im Finanzmarktrecht. Wie kam es dazu?

Angesichts zwielichtiger Winkeladvokaten am Gericht war für mich eines klar: nie Anwalt!

Nach meinem Gerichtspraktikum zog ich mit einem Forschungsstipendium nach Deutschland, dann in die USA. Zurück in der Schweiz wurde ich angefragt, bei einem grösseren Fall in meinem Fachgebiet mitzuhelfen. Es wurde mehr und mehr, und zu meiner Überraschung entdeckte ich: Der Forscherblick erwies sich ausgerechnet in der Anwaltstätigkeit als Mehrwert! Die Lösung von Problemen, die – wie fast immer – in keinem Lehrbuch stehen, und die aktive Mitgestaltung des Rechtsverständnisses machten nicht nur enormen Spass. Es stellte auch den Durchbruch für mein Forschungsprojekt dar.

Die Erfahrungen des Quereinsteigers und des Wissenstransfers von anderen Disziplinen, ja von der Wissenschaft zur Praxis und zurück, also nicht nur interdisziplinär, sondern «transdisziplinär» im besten Sinn des Wortes – das ist auch meine Vision für unsere ZLS: ein Leben mit Blick über den Tellerrand hinaus.

Ein Antrieb für meine Tätigkeit war und ist die Erfahrung, dass man mit einem multiperspektivischen Blick auf das Recht mehr erkennt. Um eine Kostprobe zu geben: Die Frage, ob eine Transaktion strafbarer Insiderhandel oder ökonomisch gerechtfertigt ist, lässt sich letztlich nur in der Zusammenschau des Normzwecks des Insiderhandelsverbots, der Dynamik der Informationsprozesse und der Marktkräfte sinnvoll beantworten. Mehr dazu in meinem Buch, um etwas Schleichwerbung zu machen.

Ein «Leben mit Blick über den Tellerrand hinaus» klingt aufregend. Wie kann die neue Zurich Law School (ZLS) das bieten?

Das zweijährige ZLS Masterstudium lässt viel Freiheit und lässt sich perfekt mit einer Berufstätigkeit und mit Familienarbeit kombinieren, und dies auf akademisch hohem Niveau. Die Module bieten eine zugleich privat- und öffentlichrechtliche Spezialisierung mit Fokus auf das Wirtschaftsrecht. Besonders sind unsere interdisziplinären Fallbearbeitungen, die das vernetzte Denken in den verschiedenen Fächern fördert. Die Präsenzveranstaltungen neben dem Selbststudium erhöhen den Lernerfolg.

Unsere wertvollste Ressource sind unsere Dozierenden. Sie sind durchwegs hochqualifizierte Spezialistinnen und Spezialisten, die Mehrheit an Universitäten habilitiert und in der Wissenschaft arriviert. Ausserdem hat bei uns hochbegabter akademischer Nachwuchs eine Startchance. Und – das ist besonders – unsere Dozierenden sind zugleich in verschiedenen Rechtsberufen tätig, sei es als Anwältin, Staatsanwalt oder Richterin.

Der Abschluss ermöglicht den Zugang zu einem breiten Spektrum juristischer Berufe. Die ZLS ist Anfang dieses Jahres erfolgreich zum Akkreditierungsverfahren zugelassen worden. Bei erfolgreicher Akkreditierung in rund zwei Jahren wird bereits die erste Generation von Absolventinnen und Absolventen einen universitären Mastertitel tragen.

So vielseitig wie unsere Studierendenschaft ist der Erfahrungshorizont unserer Dozierenden. Zugleich garantiert unser Lehrplan eine breite Kompetenz im Privat- und öffentlichen Recht, um Einseitigkeiten zu vermeiden. Nichts könnte besser auf den späteren Austausch über die Fachgrenzen hinweg vorbereiten. Und damit auf die Praxis, wo man es meist mit Nichtjuristen zu tun hat.

Die ZLS ist noch klein und neu, warum soll man zu Euch kommen?

Wir verstehen uns als Netzwerknoten für unsere Studierenden, Dozierenden und den Markt. Die ZLS bringt motivierte Studierende mit vielseitigem Hintergrund, engagierte Dozierende, die in juristischen Berufen verankert sind und exzellente Forschung betreiben, sowie Unternehmen und Institutionen, denen sie Dienstleistungen erbringt, zusammen. Dadurch werden wir zum wertvollen Kooperationspartner von staatlichen Stellen und Unternehmen, was wiederum auf die Studienqualität zurückwirkt. Also ein positiver Feedbackloop.

Ausserdem: Wer will sich entgehen lassen, bei einer neugegründeten Law School dabei zu sein? Während es in den USA oder auch in Deutschland mit der renommierten Bucerius Law School bereits Vorläufer gibt, werden wir mit der Akkreditierung die erste private universitäre Law School der Schweiz sein. Die Strukturen entstehen gerade. Kein Kampf gegen Windmühlen in bürokratischen Endlosschlaufen, sondern direkte Umsetzung von Visionen in die Tat. Wir bauen für Studierende Wege und Chancen, die es bisher nicht gab, und können dabei von den Fehlern und Erfolgen anderer lernen. Im Team mit unseren Dozierenden sind wir voller Ideen, Begeisterung und Tatendrang, das steckt an.

Schliesslich können wir uns auf das bewährte organisatorische Knowhow der Kalaidos Bildungsgruppe verlassen, eines der grössten privaten Schweizer Bildungsanbieter, der selbst seit zwei Jahren Teil der deutschen Klett-Gruppe ist, einer der grössten Bildungsanbieter Deutschlands. Die ZLS ist damit in die europäische Hochschullandschaft eingebettet und entspricht internationalen Anforderungen.

Für wen eignet sich das Studium an der ZLS?

Es steht Leuten mit vielfältigen Bildungshintergründen in verschiedenen Phasen ihrer Biografie offen. Zugelassen werden kann, wer einen juristischen universitären oder Fachhochschul-Bachelor mitbringt. Im letzteren Fall bieten wir eine Passerelle von einem Jahr zum Masterstudium an. Die Module lassen sich während des Semesters in Blöcken im Selbststudium sowie in Präsenzveranstaltungen, alternierend an vier Abenden und einem Samstag, abschliessen. So bleibt Zeit für Beruf und Familie.

Wen könnte das konkret interessieren?

Das Studium an der ZLS eignet sich zum Beispiel für Personen, die bereits im Beruf verankert sind und sich im Recht weiter spezialisieren wollen. Aber auch für solche, die zum Beispiel als Ökonomin, Kommunikations- oder Umweltwissenschaftler immer wieder mit dem Recht in Berührung gekommen sind, berufsbegleitend einen Rechts-Bachelor gemacht haben und sich neue Horizonte erschliessen möchten. Oder man denke an eine Bachelorstudentin oder einen Paralegal, die den Einstieg in ihren Traumjob gefunden haben und dort hochgeschätzt sind, die aber diesen nicht aufgeben und doch den Master erwerben wollen.

Ein berufs- und familienbegleitendes Studium tönt anstrengend.

Zugegeben, das Studium, gerade neben einer anderen Tätigkeit, ist intensiv. Aber zum einen ist es speziell für diesen Fall konzipiert. Die Möglichkeit, sich die Lernzeit selbst einzuteilen, macht es erst möglich. Zum anderen sprechen wir neugierige, leistungsstarke Persönlichkeiten an, die ein höheres Ziel anstreben.

Die Konzentration auf nur ein Modul auf einmal ermöglicht es zudem, quasi unter dem Brennglas schnell einen tieferen Einblick zu gewinnen, vermittelt baldige Erfolgserlebnisse und aufblitzende Erkenntnisse. Das motiviert und macht Freude, womit die Energie von allein kommt.

Das klingt alles spannend, aber was bringt’s?

Agile Spezialistinnen und Spezialisten mit weitem Blick und vielseitigem Erfahrungshorizont sind in der immer dynamischeren Rechtsentwicklung in allen Bereichen gefragter denn je. In Zeiten, in denen Gesetze schon revidiert werden, bevor sie erlassen sind, die Anforderungen der Umwelt komplexer werden und Gewissheiten schwinden, reicht es nicht mehr, einfach nur Normen zu kennen.

Schon heute besteht die juristische Arbeit zu einem grossen Teil im geschickten Umgang mit Situationen, in denen niemand, auch nicht der Gesetzgeber oder die rechtsanwendende Behörde, abschliessend weiss, was gilt. Zugleich steigt der Beratungsbedarf exponentiell.

Haben Sie ein Beispiel aus der Praxis?

Kürzlich geriet eine Kommunikationsexpertin, welche die Kapitalmarktkommunikation eines börsenkotierten Unternehmens betreut, in die Mühlen der Börsenregulierung. Sie erwartete von mir als Jurist die Antwort «ja oder nein?». Das Problem war: Mehrere Normen, die eigentlich Transparenz herstellen wollen, führten in ihrem Zusammenwirken zu einer verworrenen Situation.

Verborgener Kern des Problems war eine Naht- und Bruchstelle zwischen der Selbstregulierung der Börse und den strafrechtlich bewehrten gesetzlichen Beteiligungsmeldepflichten [konkret: die Diskrepanz der Meldefristen von Ziff. 5.02 und 5.05 der SIX Richtlinie Regelmeldepflichten bei Schaffung neuer Aktien durch ausländische Gesellschaften nach Ausübung von Optionen]. Damit es spannend blieb, kam hinzu, dass auch noch das schweizerische mit einem ausländischen Aktienrechtsverständnis kollidierte. Ein Vorgeschmack vom Wesen des Finanzmarktrechts überhaupt!

Unsere Aufgabe ist es, solche «gordischen Knoten» zu lösen und dem tieferen Sinn der Normen zum Durchbruch zu verhelfen. Also diskutierten wir die Sache mit der Börse und fanden eine elegante Lösung für das Unternehmen, die zugleich Markttransparenz herstellt. Nach ihrem anfänglichen Frust über das Recht sagte mir die Kommunikationsexpertin: «Jetzt verstehe ich!» Ein schöner Moment.

Als Wirtschaftsjuristinnen und -juristen sind wir genau eine solche Schnittstelle zwischen den verschiedenen Akteuren.

Gilt das auch noch im Zeitalter der Digitalisierung?

Gerade im Zeitalter der Digitalisierung sorgen wir dafür, dass die kollidierenden Systeme Sinn ergeben und dieser Sinn kommuniziert wird. Daran denke ich nicht zuletzt, wenn ich zu Blockchain und Kryptowährungen berate, dieser Technik, die Intermediäre überflüssig macht. Die Klienten kommen eben deshalb zu uns, weil die Technik das Vertrauen in die Technik nicht selbst herstellen kann.

Zurück zum Studium an der ZLS: Ist eine parallele Berufstätigkeit nicht eher ein Handicap?

Bei uns nicht, im Gegenteil. Wie bereichernd ein offener Zugang zum Rechtsstudium für alle Seiten ist, sehe ich immer wieder bei Studierenden, die neben dem Studium arbeiten. Diese herausfordernden Fragen aus eigener praktischer Anschauung, die da jeweils kommen, sind eine Freude! Aber auch die Masterstudien an US Law Schools habe ich vor Augen, wo ich während meines Studiums an der Yale Law School mit Ökonominnen, Physikern, einer Gewerkschaftsaktivistin und anderen Leuten die Schulbank drückte. Wir diskutierten über das Recht in einer Tiefe, die uns hierzulande guttäte.

Bei der ZLS geht es also nicht nur darum, dass man den Praxisbezug des Jus-Studiums gewährleistet. Das decken die Fachhochschulen ab. Sondern um einen wissenschaftlichen Zugang zur Rechtspraxis – eine echte Lücke in der heutigen Rechtsausbildung, wie mir scheint.

Flexibilität liegt im Trend…

Genau. Es ist höchste Zeit für flexible Bildungsangebote auf allen Ebenen. Denn die Arbeitswelt entwickelt und verändert sich immer schneller. Auf diese Weise lassen sich Talente erschliessen, die ungenutzt zu lassen die Gesellschaft sich schlicht nicht länger leisten kann.

Die ZLS hat sich die Verwirklichung des verfassungsmässigen Prinzips der Durchlässigkeit der Hochschultypen und der Chancengleichheit auf die Fahne geschrieben. Dieses Prinzip wurde vor sage und schreibe anderthalb Dekaden mit dem Bildungsartikel Art. 61a der Bundesverfassung eingeführt. Aber der Artikel ist vor allem auf universitärem Niveau praktisch toter Buchstabe geblieben.

Als private Institution mit schlanken flexiblen Strukturen, unternehmerischer Dienstleistungsorientierung und Nähe zum Markt können wir eine interessante Alternative bieten. Die erwähnte Verankerung unserer Dozierenden in den juristischen Berufen und unsere Vernetzung mit der Wirtschaft und der Justiz eröffnen neue Perspektiven.

Manche fragen sich vielleicht: «Wie wird mich das Jusstudium verändern?»

Meine eigene Motivation für das Jusstudium war es zu verstehen, wie die Gesellschaft funktioniert, auf Augenhöhe mitreden können, sich kein X für ein U vormachen lassen. Schnell kommt man hier von konkreten Problemen zu grundsätzlichen Fragen. Nicht nur Befehlsempfänger und Informationsverarbeiter sein und Dinge einfach als gegeben annehmen. Sondern als Teil der Gesellschaft diese aktiv mitgestalten und neues Wissen schaffen. Genau dazu befähigt das Studium der Rechtswissenschaft.

Die Beschäftigung mit den Normen ist ausserdem eine Denkschule. Sie schärft den Blick für Themen wie die Gerechtigkeit im Arbeitsrecht, den Generationenvertrag im Sozialversicherungsrecht oder das Vertrauen im Finanzmarktrecht.

Wie geschieht diese Verwandlung zur Juristin und zum Juristen?

Man ringt zuerst selbst mit dem Stoff, beginnt nach und nach hineinzuwachsen und vertieft ihn dann im Dialog mit den erfahrenen Expertinnen und Experten anhand konkreter Fälle. Solides Wissen ist die Basis. Aber man lernt, dass es gerade nicht darum geht, möglichst viele Zitate aus Kommentarstellen herunterzubeten. Sondern es geht darum, aus verstandenen Prinzipien Argumente zu schöpfen.

In diesem Sinn ist Recht noch immer Kunst der Rhetorik, heute mehr denn je, wo die Halbwertszeit von Wissen dahinschmilzt. Auf diese Weise werden die Studierenden aktiver Teil eines gesellschaftlichen Diskurses.

Ist das nicht alles visionär? Die meisten wollen doch einfach nur einen besseren Job?

Aus Erfahrung kann ich sagen: Der bessere Job kommt, wenn man mehr als nur einen besseren Job anstrebt. Solche Leute fallen auf, sind rar und braucht es. Und was wäre der Mensch ohne Visionen?

Dazu fällt mir das geniale Lied «Wires» der Westcoast-Band Neighbourhood ein: «That all he ever wanted was a job», sagt das Gegenüber. Und wie endete das? «I see the wires pulling while you're breathing» – wie eine Marionette an Stahlfäden gezogen. Gefangen in logischen Sachzwängen, endet er in einer Spirale des Wahnsinns. «The wires got the best of him / All that he invested in goes / Straight to hell.»

Recht auf universitärem Niveau zu studieren ist ein Weg für jeden einzelnen von uns und die Gesellschaft insgesamt, aus Sachzwängen hinaus zu finden, Dinge neu denken und neue Chancen zu ergreifen.

Wieso soll gerade das Recht das können?

Recht ist mehr als die von Politikern gemachten Gesetze. Am meisten fasziniert mich am Recht, dass sein Sein davon abhängt, wie die Menschen über es denken. Wirklichkeit und Denken sind hier aufs Engste verflochten.

Die Rechtswissenschaft und die Rechtspraxis leiden aber heute daran, dass diese Einsicht verschüttet ist. Angesichts der bevorstehenden ökologischen, technologischen und ökonomischen Herausforderungen müssen wir diese Quelle wieder freilegen. Hierzu will die ZLS einen Beitrag leisten.

Rektor ZLS Zurich Law School
Prof. Dr. iur. Daniel Dedeyan Rektor

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